Wir teilen unser Wissen gern (Teil 3) - Gesundheitsexpertin über Wertschätzung, Pausenkultur und Bettkantenentscheidungen

Während Vielbeschäftigte damit prahlen, wie gestresst sie sind, bleiben echte (vor allem psychische) Belastungen ein Tabuthema und Pausen ein Nice-to-have. Was Stress mit Wertschätzung zu tun hat, warum wir den eigenen Akku mindestens so oft aufladen müssen, wie den unserer Smartphones und welchen Unterschied eine Minute Pause machen kann, lesen Sie im Interview mit Petra Jansing.

AVANCE: Frau Jansing, die Statistiken zeigen, dass immer mehr Menschen akut unter Stress leiden, dass es beinahe jeden betrifft. Wie erklären Sie sich, dass Stress dennoch ein Tabuthema bleibt?

Frau Jansing: Also wenn man nicht im Stress ist, dann ist man fast ein bisschen faul oder hat nichts zu tun. Wenn ich höre, jeder Zweite in Deutschland oder gar zwei Drittel der Deutschen fühlen sich sehr gestresst, dann ist das überhaupt nicht nachvollziehbar. Ein dauergestresster Körper macht das gar nicht lange mit. Viele verstehen unter Stress, dass jemand viel zu tun hat, was aber im klassischen Sinn weder eine Beanspruchung, noch eine Belastung ist. Es geht darum zu gucken, welche Teile meiner To-Do-Liste sind tatsächlich für mich eine Belastung und wie gehe ich damit um.

Hier müssen wir unterscheiden. Ob wir etwas als Stress, wirklich im Sinne von Belastung empfinden, entscheiden wir in Bruchteilen von Sekunden, wenn wir eine Situation hinsichtlich ihrer Machbarkeit bewerten. Habe ich die Ressourcen, eine Herausforderung anzupacken, dann ist es eine Beanspruchung. Es kommt etwas auf mich zu. Wenn ich aber feststelle, dass mir die Ressourcen fehlen es zu bewältigen, dann ist es eine Belastung. Und über psychische Belastungen und deren Folgen zu sprechen, dass man sich schlecht fühlt, sich erschöpft oder sogar depressiv fühlt– das ist immer noch ein Riesentabu.

Für Unternehmer ist es oft überraschend, dass mangelnde Wertschätzung ein riesiger Stressfaktor ist.

AVANCE: Das Thema Burnout ist bereits Dauerbrenner in den Medien, dabei haben wir schon so hohe Standards mit gesetzlichem Urlaub und Pausenzeiten. Ist es wirklich so schlimm um uns bestellt?

Frau Jansing: Die Frage stelle ich mir auch immer wieder – wir hatten noch nie so viel Freizeit und noch nie so viele Stresserkrankungen, wie wir jetzt haben. Dafür muss es ja eine Ursache geben.

Ob ein Mensch sich gestresst oder Burnout-gefährdet fühlt, ist sehr individuell. Es gibt Menschen, die sich ernsthaft gestresst fühlen, weil Sie den Gärtner, das Kindermädchen und die Putzfrau koordinieren müssen. Dann haben die nicht nur gefühlten, sondern auch messbaren Stress. Und andere sagen, wenn ich abends nach 8 Stunden Arbeit noch für 10 Leute kochen darf, dann ist das für mich der totale Ausgleich. Es ist so unterschiedlich.

Das man immer im Stress ist und keine Zeit für sich selbst hat, ist etwas, das ich versuche in meinen Seminaren ein bisschen aufzubrechen und zu gucken, woher kommt denn dieses Gefühl immer im Stress zu sein? Ich glaube, dass wir in Zeiten unterwegs sind, in denen Sicherheit und digitaler Stress eine große Rolle spielen.

AVANCE: Was ist eigentlich Digitaler Stress? Sollten uns digitale Tools nicht entlasten?

Frau Jansing: Ja, das sollten sie, aber das Smartphone ist inzwischen die Fernbedienung für unser Leben geworden, mit beängstigenden Folgen. Mir berichten Personaler und Unternehmer, dass wenn nicht alle permanent das Handy auf dem Schreibtisch liegen haben dürfen, sind die Mitarbeiter nervös, weil sie zum Beispiel für ihre Kinder erreichbar sein müssen. Da sage ich ganz ehrlich: Nein, es gibt ein Festnetz. Ich habe nach einer Woche Auszeit ohne mein Handy erfahren, wie viel Ruhe es gibt, wenn man sämtliche Geräte weglässt. Diese Abhängigkeit und der Zwang permanent erreichbar sein zu müssen, sind ein großer Stressfaktor und das wird mir von Teilnehmern immer wieder bestätigt, wenn sie reflektieren und ehrlich sind.

Ich glaube nicht, dass wir mehr tatsächlichen Stress haben, als wir den vor 10 oder 15 Jahren hatten. Was stresst sind die Whatsapp-Gruppen, die Instagram Accounts, die man auch während der Arbeit checkt. Das bedeutet bis zu 100 Unterbrechungen am Tag. Ich glaube, dass das viel mehr Stress verursacht, als die Nutzer glauben. Viele sind zudem stark verunsichert durch die vielen Nachrichten, die permanent durch die digitalen und sozialen Medien auf uns einprasseln. Es herrscht so viel Angst in der Gesellschaft, ohne dass eine reelle Gefahr besteht. Ein aktuelles Beispiel ist der Corona Virus. Als ich die Schlagzeilen las, dachte ich, es ist eine Pest ausgebrochen! Das hat sich für mich gleich relativiert, als ich detaillierter dazu gelesen habe. Dieser Virus ist für mich mehr über die Medien verbreitet worden, als er tatsächlich als Krankheit verbreitet worden ist. Das ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie wir uns stressen lassen durch Medien und durch die Digitalisierung.

Die Digitalisierung verursacht zudem Stress, weil sich nicht alle Menschen den Herausforderungen und Neuerungen im digitalen Wandel gewachsen fühlen. Man kann vielleicht auch mal akzeptieren, wenn eine 58-jährige Bankangestellte nicht in der Lage ist das Social Media Marketing zu unterstützen. Hier müssen Unternehmen sich gut vorbereiten, die Mitarbeiter mitnehmen, schulen und begleiten und auch darauf achten, wie Aufgaben verteilt werden.

AVANCE: „Was stresst uns wirklich?“ lautet ihr Impulsvortrag am 18. Februar in Jena. Sind die Stressursachen nicht immer nur Termindruck und der eigene Perfektionismus? Können Sie an einem Beispiel verraten, was uns erwartet?

Frau Jansing: Themen, die Menschen bewegen, wenn sie über ihren Stress sprechen, sind ganz oft Führung und Kommunikation. Für Unternehmer ist es oft überraschend, dass mangelnde Wertschätzung ein riesiger Stressfaktor ist. Da wo Teams gut geführt werden, da wo eine Führungskraft wertschätzend agiert im Unternehmen, viel lobt, auch kritisiert und eine offene, direkte Kommunikation lebt, da wird der Stress im Sinne einer Beanspruchung, wenn viel zu tun ist, viel besser weggesteckt. Es gibt da den Begriff der „Bettkantenentscheidung“. Das finde ich ganz spannend.

Wenn jemand morgens aufsteht und merkt, er hat eine Erkältung oder Kopfschmerzen und fühlt sich nicht so richtig wohl, dann ist dieser Moment der Bettkantenentscheidung: lege ich mich wieder hin und geh` zum Arzt und lass mich krank schreiben, oder stehe ich auf und nehme ich eine Aspirin, weil mein Team, meine Mitarbeiter, meine Kollegen oder Kunden mich brauchen? Und damit ist nicht gemeint krank zur Arbeit zu gehen, sondern der Moment, in dem man mit leichten Beschwerden überlegt: „Nehme ich das jetzt zum Anlass drei Tage zuhause zu bleiben, oder nicht?“ Diese Entscheidung fällt fast immer dann zugunsten der Firma aus, wenn dort wertschätzend geführt wird.

Man darf sich nicht immer sagen: `Es geht schon noch, geht noch! In drei Monaten hab‘ ich ja Urlaub.´ Die allerkleinste Pause, die man sich immer gönnen kann, dauert eine Minute. Da kann mir keiner sagen, dass das nicht geht!

AVANCE: Nun gibt es diese Menschen, denen es tatsächlich schlecht geht. Worauf sollten wir bei Kollegen und uns selbst achten, wann ist eindeutig der Bogen überspannt?

Frau Jansing: Das ist immer wieder eine große Frage in den Seminaren, wo ich mit dem Bild vom Akku arbeite. Menschen sorgen einfach zu wenig für sich. Unsere Smartphones laden wir immer sofort auf, wenn der Akkustand niedrig ist und bei unserem Körper braucht es oft erst eine ernsthafte Erkrankung bis wir da hingucken. Letztlich sendet der Körper immer Signale. Im Coaching beteuern die Meisten: „Ich hab gar nicht gemerkt, dass es mir schlecht ging!“ und erinnern sich dann rückblickend, dass sie ja schon lange unter Nackenverspannungen, Schlaf- und Verdauungsproblemen oder Migräne leiden. Manche brauchen den Tinitus um wach gerüttelt zu werden, andere machen weiter bis zum Herzinfarkt.

Ich bin fest davon überzeugt, wenn wir es schaffen mehr auf unseren Körper zu hören und auch zu reagieren, wenn wir es schaffen würden, täglich ein bisschen besser für uns zu sorgen, indem wir alleine schon mal Pausen einhalten, dann können wir viel gesünder arbeiten. Ich habe erst letzte Woche ein Seminar gegeben, in dem mir die Teilnehmer bestätigten, dass Sie Ihre Pausen immer mit Brötchen am Laptop verbringen und dabei Ihre Nachrichten checken. Das sind keine Pausen. Das ist keine Arbeitsunterbrechung im Sinne einer regenerativen Pause.

Und bei Kollegen, oder als Führungskraft beim Mitarbeiter, da erkenne ich, dass es jemand schlecht geht, wenn er sich verändert. Und diese Veränderung erkenne ich nur, wenn ich in einem guten Kontakt stehe und in enger Kommunikation bin.

AVANCE: Ihr Motto Power durch Pause leben Sie aktiv selbst. Haben Sie einen kleinen Praxistipp vorab wodurch wir gezielt unser Stresslevel senken können?

Die allerkleinste Pause, die man sich immer und in jeder Situation gönnen kann, ist eine Pause von einer Minute. Da kann mir keiner sagen, dass das nicht geht, selbst wenn man in einer halben Stunde dem Chef die Präsentation vorlegen muss. Dann rate ich immer einen Timer zu stellen und diese eine Minute wirklich mal tief zu atmen, die Augen zu schließen oder aus dem Fenster ins Grüne zu schauen. Nehmen Sie ein paar tiefe regenerative Atemzüge, indem Sie tief in den Bauch einatmen und lange ausatmen. Man kann das steigern auf zwei oder drei Minuten. Da kann man zusätzlich den Nacken dehnen, aufstehen und ein bisschen die Schultern rollen. Es geht darum ganz bewusst diese eine Minute aus dem, was Ihnen da stresst macht, herauszugehen, das Fenster zu öffnen, tief zu atmen und dann geht's weiter.

Und wenn ich merke, diese paar Minuten reichen nicht, dann geh ich vielleicht auch mal aus dem Büro raus, um mit einem Kollegen in Ruhe Kaffee zu trinken und über ein ganz anderes Thema zu sprechen, als das, was ich auf dem Schreibtisch habe.

Ich beherzige natürlich auch nicht alle meine Ratschläge immer 100%-ig selbst. Mein Akku geht auch mal in das untere Drittel, aber nicht viel weiter. Ich habe geschafft für mich meine Grenze zu ziehen und zu erkennen, wo die liegt. Wenn ich merke, mein Akku hat einen niedrigen Stand, dann ist es wichtig gegenzusteuern und nicht durchhalten zu wollen bis zum Urlaub oder bis zum Wochenende. Dann muss man sagen ok, ich gehe jetzt mal fünf Minuten raus spazieren oder mal eher nach Hause und dann arbeite ich das nach. Es geht darum die Pausen nicht immer zu verschieben. Das Spiel können wir viel zu lange treiben, der Körper macht das viel zu lange mit.

AVANCE: Was war Ihr persönliches Highlight als Stresstrainerin?

Mir macht dieser Job so viel Freude, weil ich sehe, dass ich da etwas bewegen kann. Alle Studien und Seminare der Welt können letztendlich wenig gegen Stress ausrichten. Man muss sich dazu entscheiden weniger Stress haben zu wollen und sich dafür selbst in den Blick und sich selbst auch wichtig nehmen. Es ist toll, wenn ich merke, dass bei Teilnehmern ein kleines Domino-Steinchen fällt.

Ich freue mich, wenn mir Personaler sagen: „Mensch Jansing, seitdem Sie hier waren, laufen alle Leute die Treppe!“ oder „Die Teilnehmer waren bei uns in der Personalabteilung und haben sich bedankt für das Seminar! Was haben Sie denn mit denen gemacht?“ Wertschätzung ist wie gesagt ein absoluter Stressdämpfer. Was ich sage ist, dass Dankbarkeit und Wertschätzung in zwei Richtungen geht und sie daher Ihre Dankbarkeit und Wertschätzung ausdrücken können. Das führt manchmal dazu, dass Teilnehmer diese Botschaft direkt so umsetzen. Das berührt mich immer wieder, das finde ich schön.

AVANCE: Vielen Dank, Frau Jansing für die wertvollen Tipps und Gedanken. Wir freuen uns auf den Vortragsabend und das Seminar mit Ihnen in Kürze in Jena!

Maria Siegl im Gespräch mit Petra Jansing